Artikel im Kölner Stadtanzeiger vom 02.03.2009

Schulische Integration

Lernen in einem anderen Tempo

Von Petra Römer-Westarp, 02.03.09, 18:22h

Familie Schneider hofft für ihre behinderte Tochter auf eine Teilnahme am „Gemeinsamen Unterricht“ in Hennef. Auf diesem Gebiet gilt Deutschland allerdings als rückständig.

Hennef Aus einem Kassettenrekorder tönt Musik. Die vier Jahre alte Sike sitzt daneben und wiegt sich zu den Klängen. „Sie gibt sich ganz der Musik hin“, sagt ihre Mutter, Lucia Schneider (38). „Sike ruht in sich, das ist schön zu erleben.“ Sike ist mit dem Down-Syndrom auf die Welt gekommen - für die Familie Schneider kein Grund, mit dem Schicksal zu hadern. Ihre ältere und gesunde Tochter Taina (7) habe eine ungewöhnlich rasche Auffassungsgabe, Sike entwickele sich dagegen in einem anderen Tempo. „Sie sind zwei grundverschiedene Kinder - wie andere Geschwister auch“, erklärt die Henneferin.

 

Eines war für sie von Anfang an klar: Eine Sonderbehandlung wollte sie für ihre behinderte Tochter nicht. Sike sollte mit den Kindern aus der Nachbarschaft aufwachsen - nicht nur in der Freizeit, sondern auch im Kindergarten und in der Schule. Doch schon bei der Suche nach einem Kindergartenplatz wurde Lucia Schneider klar, dass integrative Plätze selten sind. Für Sike und zwei weitere Kinder mit Behinderung wurden Einzelintegrationsplätze im Kindergarten Allner eingerichtet.

Ihre Mutter, die selbst Lehrerin ist, beschloss, sich für mehr Integration auch in den Schulen einzusetzen. Im April vergangenen Jahres gründete sie den Verein „Schule für alle“. Er setzt sich etwa für das Recht behinderter Kinder auf Unterricht in einer Regelschule ein. Für Lucia Schneider hat dieser Anspruch etwas mit dem Recht auf Selbstentfaltung zu tun. „Wie kann mein Kind sein Potenzial entdecken, wenn es nur mit anderen behinderten Kindern zusammen ist?“, fragt sie. „Bestimmte Dinge können sich nicht entwickeln, weil sie nicht durch andere Kinder vorgelebt werden.“ Förderschulen böten eine zielgerichtete Förderung, aber eben auch einen „Schonraum“, der sich zur Falle entwickeln könne.

 

Schonraum als Falle

 

Nicht nur, dass dort bestimmte Anregungen fehlten, wie sie eine integrative Gruppe biete. Schneider möchte, dass sich ihre Tochter von klein auf mit der Realität, wie sie sich für behinderte Menschen in der Gesellschaft darstellt, auseinandersetzt. Was Integration angehe, sei Deutschland rückständig, urteilt Schneider. In Italien etwa liege die schulische Integration bei 100 Prozent, hierzulande seien es gerade zwölf. Um das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen, hat der Verein eine Fülle von Aktivitäten gestartet. So haben sich Schulen vorgestellt, die bereits den „Gemeinsamen Unterricht“ (GU) eingeführt haben. In einer Zukunftswerkstatt entwickelte der Verein Visionen einer „besseren“ Schule für alle Kinder.

 

Auch an die Landesschulministerin Barbara Sommer trat der Verein mit der Forderung heran, in jeder Kommune zumindest an einer Grundschule und an einer weiterführenden Schule Plätze für behinderte Kinder - egal mit welcher Behinderung - zur Verfügung zu stellen. Nun wartet Lucia Schneider auf Antwort. Sie weiß, dass sie mit ihrer Initiative Teil einer bundesweiten Bewegung ist. Handlungsbedarf sieht sie vor allem bei den weiterführenden Schulen: Da gebe es fast keine Integrationsangebote insbesondere für „schwerer“ behinderte Kinder. Für ihre eigene Tochter hofft Schneider in ein bis zwei Jahren auf eine Einschulung als GU-Kind in der Regenbogen-Grundschule in Hennef-Happerschoss. „Bis Sike dann in die weiterführende Schule kommt, hat sich hoffentlich etwas getan“, hofft Lucia Schneider.


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